Die Geschichte
Eine Grenze als Weg
In den Pyrenäen trennt ein Kamm zwei Länder — und verbindet unzählige Geschichten.
Wo die Pilger das letzte Mal das Meer sehen
Wir beginnen am Fuß des Gebirges, in einem Dorf, das seit tausend Jahren Durchgangsort ist.
Saint-Jean-Pied-de-Port liegt am Zusammenfluss von Nive und Laurhibaray — der Name bedeutet „Johannes am Fuß des Passes". Hier sammelten sich im Mittelalter die Pilger aus ganz Europa, bevor sie den Roncevaux-Pass überschritten und nach Santiago de Compostela weiterwanderten. Die Stadtmauern aus dem 13. Jahrhundert stehen noch, und durch die citadelle führt eine Gasse, die so eng ist, dass man die Wände beiderseits gleichzeitig berühren kann.
Wir übernachten in einem Haus, das seit fünf Generationen in derselben Familie ist. Die Wirtin spricht baskisch und französisch, ihr Mann spanisch — am Esstisch wechseln die Sprachen fließend, und die Suppe aus baskischem Piment schmeckt nach allen drei Küchen zugleich. Abends sitzen wir am Fenster und hören den Fluss, der unten durch das Tal rauscht, und eine Pilgerin aus Leipzig erzählt, dass sie seit vier Wochen unterwegs ist und diesen Pass schon dreimal in ihrem Leben überschritten hat.
Der Aragonische Weg und die Maultiere
Das Tal von Aspe ist der stillste Teil der Pyrenäen — und der, der die meisten Geschichten trägt.
Auf dem Col de Somport passierte im Mittelalter der Aragonische Weg nach Santiago. Tausende Pilger überschritten den 1632 Meter hohen Pass jedes Jahr, und die Maultiertreiber — die »mulateros« — führten Salz, Eisen und Wein über den Kamm. Im Winter, wenn der Pass schneebedeckt war, blieb er monatelang geschlossen, und das Tal lebte von dem, was es selbst hervorbrachte: Schafskäse, Buchweizen und Holzkohle.
Wir wandern auf dem alten Pilgerpfad, der heute ein Fernwanderweg ist, und passieren das Dorf Borce, wo ein ehemaliger Schmuggler namens Jean-Pierre uns im Keller seines Hauses eine Flasche Jurançon zeigt, die sein Vater 1973 versteckt hat — das Jahr, in dem der Zoll die Grenze zuletzt kontrollierte. Er erzählt, wie er als Junge nachts mit einem Rucksack voller spanischer Zigaretten über den Kamm stieg, und wie der Hund des Zöllners ihn einmal witterte, aber nicht bellte. „Der Hund wusste es", sagt er und zwinkert, „aber er hat nichts gesagt."
Der Bürgerkrieg und die Pfade, die keine Karte kennt
Im Spanischen Bürgerkrieg wurden die Schmuggelpfade zu Fluchtwegen — und die Hirten wurden zu Grenzführern.
Zwischen 1936 und 1939 flohen Tausende Republikaner über die Pyrenäen nach Frankreich — auf Pfaden, die nur die Hirten kannten, die ihre Herden seit Generationen über die Almen trieben. Die »contrabandistas«, die vorher Salz und Tabak geschmuggelt hatten, führten nun Menschen — nachts, bei Sturm, ohne Licht, auf Wegen, die so schmal waren, dass man seitwärts treten musste. Wer ausrutschte, fiel zweihundert Meter in ein Tal, dessen Namen niemand auf der französischen Seite kannte.
Wir wandern auf einem dieser Pfade — heute markiert, aber noch immer so steil, dass die Hände helfen müssen. Unser Führer ist ein Hirte aus dem Tal von Aspe, der als Kind die letzten »transhumants« erlebte — die Wanderhirten, die mit ihren Herden im Sommer auf die Hochalmen zogen und im Winter ins Tal zurückkamen. Er nennt die Berge beim Namen und die Pflanzen beim baskischen Wort, und wenn der Nebel aufzieht, orientiert er sich am Geruch des Thymians, der an der Südseite dichter wächst.
Wo das Gebirge ins Meer fällt
Am östlichen Ende der Pyrenäen endet der Kamm nicht am Strand — er stürzt ins Mittelmeer.
Das Cap de Creus ist der östlichste Punkt der iberischen Halbinsel, und hier fallen die Pyrenäen buchstäblich ins Meer. Die Felsen sind schwarz und vom Wind in Formen geschnitten, die an Dalí erinnern — der tatsächlich zwanzig Kilometer südlich ein Haus hatte und hier seinen »Christus des hl. Johannes vom Kreuz« malte. Die Küste ist zerklüftet, der Wind trägt Salz und Rosmarin, und in jeder Bucht liegt ein Boot, das aussieht, als hätte es seit den Sechziger Jahren nicht mehr angelegt.
Wir enden in einem Fischerdorf namens Cadaqués, wo wir in einer Bodega Cava trinken und einen Fisch essen, der am Morgen noch im Wasser war. Die Wirtin erzählt, dass ihr Großvater Schmuggler war — er brachte in den Fünfziger Jahren französischen Käse nach Spanien und spanischen Olivenöl nach Frankreich, und wenn der Zoll kam, versenkte er die Ware im Hafen und hob sie nachts wieder. „Das Wasser war sein Lagerhaus", sagt sie und lacht. Die Grenze ist hier keine Linie auf der Karte — sie ist eine Erinnerung, die im Hafen liegt.
Neun Tage, drei Etappen
Der Weg im Überblick
Drei Hauptetappen, jeder mit eigener Landschaft und eigenem Klang — dazwischen Übernachtungen in Häusern, die Geschichten tragen.
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Tag 1–3
Baskische Küste & Tal von Aspe
Von Saint-Jean-Pied-de-Port über den Roncevaux-Pass bis ins Tal von Aspe — Pilgerwege, Maultierpfade und ein Schmuggler, der uns eine 50-jährige Flasche zeigt.
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Tag 4–6
Contrabandista-Pfade
Wanderung auf Schmuggelpfaden aus dem Bürgerkrieg — von Borce über die Hochalmen bis ans Tal von Aisa. Ein Hirte führt uns, der die Berge beim Namen nennt.
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Tag 7–9
Cap de Creus & Cadaqués
Vom Ostrand der Pyrenäen ans Mittelmeer — schwarze Felsen, Dalís Küste und ein Fischerdorf, in dem die Erinnerung an die Grenze im Hafen liegt.
Was euch erwartet
Eckdaten dieser Reise
Neun Tage, eine Grenze, unzählige Geschichten — hier findet ihr die Fakten, der Rest wird geschrieben.
Pyrenäen — Pässe & Piraten
Was Reisende erzählen
Stimmen vom Weg
Zwei Paare, die diesen Weg gegangen sind — ihre Eindrücke, ungeschönt.
Der Schmuggler Jean-Pierre in Borce hat uns eine Geschichte erzählt, die in keinem Buch steht — und eine Flasche Jurançon geteilt, die sein Vater 1973 versteckte. Das war der Moment, in dem die Grenze für uns zu einer Erinnerung wurde.
Pyrenäen · September 2024
Der Hirte, der uns über die Almen führte, orientierte sich am Geruch des Thymians, wenn der Nebel aufzog. Wir haben vier Tage mit ihm gewandert und kein einziges Mal auf eine Karte geschaut — er brauchte keine.
Pyrenäen · Juni 2024
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